SASCHA HAHN - NICOLAS TZORTZIS

STROEMEN I - WEB VERSION 2017

SASACHA HAHN: Stroemen I - Video Sample ca. 17 min. 2017

NICOLAS TZORTZIS: Audio Sample ca. 100 min. 2017

 

 

 

Stroemen I“ von Sascha Hahn ist eine filmische Arbeit über das Erinnern und seine nicht-lineare Mechanik.

 

Grundlage sind eigene Videoaufzeichnungen aus den Jahren 2006 bis 2014, die nach einem Umzug nach Berlin und auf verschiedenen Reisen entstanden. Nach dem Prinzip eines Videotagebuchs reihen sich Szenen aus dem privaten Freundeskreis des Künstlers, der Berliner Kunstszene, von Streifzügen durch die Stadt oder die Natur aneinander zu einem Stream of Consciousness. Gedreht in SW, beeinflusst von der Ästhetik des Underground-Films der 1970er und 80er Jahre entsteht ein fragmentarischer Bilderreigen – offen für die Assoziationen und Projektionen des Betrachters: einzelne Personen, eine Wasserfläche, ein Feuer, urbane Szenerien, Wolken, Zweige, verschiedene Oberflächen wie Haut oder Stein, Gebäude, Werbetafeln, nächtliche Lichter, Reihen von Autos, Schiffen oder Menschen wechseln sich ab und überlagern sich. Wie auch das Erinnern keiner linearen Logik folgt, passieren permanente Gleichzeitigkeiten. Gesteuert werden sie von einem selbstentwickelten Computerprogramm, das jeweils zufällig Sequenzen auswählt und überblendet sowie ihre jeweilige Dauer steuert.

 

Man hat über Prousts berühmten Erinnerungsroman, die Recherche, von einem sich selbst generierenden Text gesprochen, der rein den unwillentlichen Prinzipien des Erinnerns folgt. „Stroemen I“ von Sascha Hahn generiert sich permanent selbst und neu. Keine Sequenz ist wiederholbar, kein Zusammentreffen von Bildern passiert zweimal.

 

In den Überlagerungen ereignen sich immer wieder räumliche Phänomene, die nicht nur die Gesetze der Zeit sondern auch die des Raums außer Kraft setzen. Oben und unten gehen ineinander über, Szenen kippen ins Bodenlose, alles ist permanent in Bewegung, Räume öffnen und schließen sich. Daneben bilden sich immer wieder Strukturen aus, die sich überlagern und die im Übrigen auch ein zentrales Thema der Malerei von Sascha Hahn bilden.

 

Für das Projekt „Stromen I“ arbeitet Hahn mit dem Komponisten Nicolas Tzortzis aus Paris zusammen. Dessen unabhängig vom Film laufende Soundcollage wird nach dem gleichen computergesteuerten Zufallsprinzip erzeugt, das Hahn für die Bilder verwendet. Das Material besteht in erster Linie aus bearbeiteten Field Recordings und archivierten Klängen. Auch hier finden permanente Überlagerungen statt. Die ursprünglichen Quellen sind kaum zu identifizieren. Wie auch im Film geht es aber weniger um ein bewusstes Zuordnen, als vielmehr um die Erzeugung eines traumnahen Zustands zwischen Wachen und Schlafen. Die Töne und Klänge sind mal sphärisch, mal pointiert, mal ruhig, mal beschleunigt, verhalten sich zu den Bildern verstärkend und erweiternd oder störend und kontrapunktisch. Und auch hier bilden sich permanent neue Momente, die unwiederholbar sind.

 

Ernst Bloch hat in „Das fragmentierte Ich“ über die Recherche geschrieben: „Proust zerstückt die eigene Person in unzählige Ichs, die nichts voneinander wissen und deren Welten sich überschneiden.“ Sascha Hahn und Nicolas Tzortzis konstruieren mit „Stroemen I“ einen Raum, in dem wir etwas über das Erinnern, über die Zerrissenheit des Daseins, über die Unwiederbringbarkeit des Augenblicks und über die menschliche Identität als eine fragile Konstruktion des Bewusstseins erfahren.

 

 

Anne Prenzler